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- Zu welcher Klasse gehöre ich? - Digitale Diamanten 03/26
Zu welcher Klasse gehöre ich? - Digitale Diamanten 03/26
Rolex, Casio und moralische Effekthascherei – was ich aus Hanno Sauers Buch gelernt habe
Moin!
Überall hört man von einem potenziellen Social-Media-Verbot. Der ständige Vergleich würde uns krank machen. Es gilt das alte Zitat: Der Vergleich ist der Ursprung allen Unglücks. Darum widme ich den heutigen Newsletter einem Buch, durch das ich viel über das Vergleichen gelernt habe - und über mich selbst!

Als Student habe ich davon geträumt, irgendwann jeden Tag ein Ralph-Lauren-Hemd tragen zu können. Das war für mich irgendwie der Inbegriff von „es geschafft haben“. Heute wäre das vermutlich drin, stattdessen trage ich nun jeden Tag Charles Tyrwhitt – die Low-Budget-Variante. Mein Geld gebe ich lieber für Reisen und tolles Essen aus. Und selbst da – es gibt immer einen, der mehr hat. Bessere IRONMAN-Zeit, höheres Gehalt, schönerer Urlaub. Das Hamsterrad dreht sich immer weiter. 🐹
Genau deshalb hat mich das Buch „Klasse“ von Hanno Sauer so gepackt. Irgendein Short-Video von Hotel Matze hat mich ursprünglich darauf gelenkt. Da erklärt Sauer, wer eigentlich alles eine Louis-Vuitton-Tasche hat – und wer eigentlich könnte, aber keine hat.
Was steckt drin?
Sauers Kernthese: Klasse ist sozial konstruierte Knappheit. Wir ordnen uns ständig in Hierarchien ein – und tun das über sogenannte „soziale Signale“. Diese Signale sind die Währung, mit der Statuswettbewerbe ausgetragen werden. Klingt abstrakt, ist es aber überhaupt nicht. Hier meine Diamanten 💎
Diamant 1: Teure Signale und Kontersignale ⌚
Das Schöne beim Lesen dieses Buches ist: Man liest und fühlt sich dadurch als Zuschauer, ist aber genauso beteiligt am Statusspiel. Ich fühle mich als Leser „denen da unten mit ihren Statusspielchen“ überlegen – und merke dann beim Umblättern: Ich bin einer von ihnen.
Nehmen wir das absolute Standardbeispiel eines Statussymbols: die Rolex-Uhr.
Der Markenname Rolex war für mich seit frühester Kindheit mit dem Gefühl verbunden von besonderem Luxus, besonderem Wohlstand und irgendwie auch einer Form von Erfolg. Wer eine Rolex-Uhr hat, der ist besonders erfolgreich im Beruf oder ein gewiefter Geschäftsmann, ein erfolgreicher Fußballspieler – und in irgendeiner Form hat er sich einen solch teuren Gegenstand erarbeitet. Im Wesentlichen klebt man sich einfach nur einen 10.000€-Schein ans Handgelenk, denn ganz ehrlich: Auf der Rolex ist es genauso spät wie auf einer Casio-Uhr.
Es kam der Tag, an dem ich mir eine solche Uhr so gerade leisten konnte – aber wirklich so gerade! Und das ist auch der Grund, warum ich sie mir gekauft habe: um sie jeden Tag zu tragen und damit so zu tun, als wäre es gar nichts Besonderes für mich. Auch wenn man sich vielleicht im Herzen über jeden kleinen Kratzer ärgert, der eben drankommt, wenn man sie jeden Tag trägt.
Die Zeit vergeht, das Einkommen steigt, und eines Tages erwische ich mich bei dem Gedanken: „Puh, eine Rolex zu tragen ist irgendwie auch ganz schön prollig.“ Trägt inzwischen nun wirklich jeder Deutschrapper in noch teurerer Variante. Und außerdem fragt sich eh jeder: Ob ich nicht einfach nur mal in der Türkei Urlaub gemacht habe?
Ich habe mich schon bei dem Gedanken erwischt: Ich könnte ja eigentlich mal wieder eine 20-Euro-Casio kaufen – und damit zeigen, dass ich es eben nicht mehr nötig habe. Mit der Casio versuche ich dann so zu tun, als könnte ich mir 15 Rolex-Uhren leisten (was ich nicht kann), sie aber nicht trage, weil ja sowieso jedem klar ist, dass ich eine tragen könnte, wenn ich wollte.
Den Effekt gibt es übrigens auch in umgekehrter Richtung. Mein Chef hat sich neulich einfach nur nach persönlichem Geschmack eine Brille ausgesucht, aufgesetzt und entschieden: „Jo, die gefällt mir.“
Kurz vor dem Bezahlen hat er festgestellt, dass an der Seite „Gucci“ steht – und er erwischte sich bei dem Gedanken: Jetzt kann ich diese Brille ja eigentlich nicht kaufen, weil dann alle denken, ich würde extra eine von Gucci kaufen, um zu zeigen, dass ich mir eine Gucci-Brille leisten kann. Aber das kann ich nicht machen, weil ich ja nicht so wirken will, als wäre ich jemand, der das zeigen muss.
Geht unendlich weiter. Der junge Mann im Tarnfarben-Lamborghini auf der Kö? Will dazugehören – zeigt aber gerade dadurch, dass er es nicht tut. Und wenn ich einen jungen Unternehmensberater Taittinger auf Französisch aussprechen höre, dann weiß ich: Der hat gerade gelernt, dass man das so sagen „muss“. Die echten Profis sprechen es einfach deutsch aus – weil sie es können.
Diamant 2: Moral als neues Statussymbol 🎭
Das reine Finanz-Statussymbol-Game ist out. Vor allem in meiner sozialen Blase. Die meisten Newsletter-Leser hier liegen über dem Median-Einkommen und lächeln über Leute, die sich ein Proll-Auto finanzieren.
Sauer beschreibt, dass es in modernen Gesellschaften zu einem demonstrativen Konsum moralischer Werte kommt. Er nennt die neue Oberschicht die „Aretokratie“ – vom griechischen Wort für Tugend. Heißt: Wer heute dazugehören will, braucht nicht nur Geld, sondern vor allem die richtigen Meinungen.
Und jetzt wird es unbequem: Das öffentliche Zurschaustellen moralischer Positionen – Sauer nennt das „moralische Effekthascherei“ – dient oft weniger der Sache selbst als dem eigenen Statusgewinn. Meine 10.000 Follower sehen es halt nicht, wenn ich bei der Suppenküche Schüsseln auffülle. Aber sie sehen den radikalen Slogan auf TikTok. Und der bringt Likes. 👍
Diamant 3: Es gibt immer einen, der mehr hat – und das ist der Punkt 📈
Keynes hat 1930 vorhergesagt, dass wir irgendwann nur noch 15 Stunden die Woche arbeiten müssten. Rein ökonomisch hatte er recht. Eine 15-Stunden-Woche würde reichen, um den Lebensstandard von 1930 zu halten.
Aber wir machen es nicht. Warum? Weil wir uns nicht mit 1930 vergleichen, sondern mit unseren Nachbarn.
Sauer nennt das „Keeping up with the Joneses“. Wir sind in den westlichen Ländern längst alle reich – es fühlt sich nur nicht so an, weil die Statuswettbewerbe die Wohlfahrtsgewinne auffressen. Und gerade das macht das Buch für mich so wertvoll als Reflexion: Wo stecke ich meine Energie rein? In den Vergleich mit anderen? Oder in mein eigenes Ding?
Meine persönliche Erkenntnis daraus: Energie nicht in andere Menschen stecken. Sei nicht der Beste, sei der Einzige. Der Vergleich mit anderen ist ein Spiel, das man nicht gewinnen kann. Nicht bei der IRONMAN-Finish-Zeit, nicht beim Gehalt, nicht bei der Wohnung.
Das Einzige, was hilft, ist, seinen eigenen Maßstab zu finden 🎯
Was mich gestört hat
Das Buch ist stellenweise sehr akademisch. Sauer ist Philosoph – und das merkt man. Manche Passagen lesen sich wie eine Vorlesung, nicht wie ein Sachbuch. Wer das gut verdaulich aufbereitet hören will, dem empfehle ich:
🎙️ Hotel Matze – Folge mit Hanno Sauer 📎 https://open.spotify.com/episode/28HmBiR6K0HUGwl3yJ4jpd
🎙️ Lanz & Precht – Ausgabe 229 zu „Klasse“ 📎 https://open.spotify.com/episode/6V56MP850dN6mECj39mAYY
Beide Folgen sind top, um reinzukommen. Matze geht dabei mehr in die Tiefe, Lanz & Precht ordnen es politischer ein.
Mein Fazit
Wer „Klasse“ gelesen hat, hat ein Stück Naivität verloren. Man guckt danach anders auf Instagram, anders auf LinkedIn und auch anders in den Spiegel. Und das meine ich positiv.
Denn Bewusstsein für die eigenen Statusspielchen ist der erste Schritt, sich nicht mehr komplett davon steuern zu lassen 💡
Zum Buch: 📎 https://amzn.to/4kyJg0y 📖
Wenn ihr bis hierhin gelesen habt, hat euch der Newsletter vielleicht gefallen, leitet ihn gerne weiter oder sprecht darüber. 😉
Liebe Grüße,
Alex