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Worum ging es jetzt bei diesen Rentenmilliarden? - Digitale Diamanten
Was ich aus einer Rentendiskussion nachts um 3 über Meinungsbildung, Altersvorsorge und Talkshows gelernt habe
Liebe Leser,
schon Neujahrsvorsätze gefasst? Meiner ist, ich möchte 2026 weniger schnell eine Meinung zu Dingen haben.
Was meine ich damit? Im letzten Monat war ich auf einer Hochzeit zu Gast und nachts um 3 (wo die besten Diskussionen entstehen) entbrannte eine Diskussion zum Thema Rente. Diskussionen um diese Uhrzeit funktionieren ja praktischerweise wie eine Debatte auf Social Media: Es gibt zwei gegenteilige Meinungen und die Aufgabe ist, sich schnellstmöglich extremstmöglich zu positionieren.
Mir ist dabei ein seltenes Kunststück gelungen. Gefühlt das erste Mal in meinem Leben habe ich geschafft zu sagen:
Beide Positionen haben unterstützenswerte Aspekte, ich folge eurer Debatte aufmerksam, habe mir aber noch keine abschließende Meinung gebildet.
Was sich für mich nobelpreisverdächtig anfühlte, wurde von den Gesprächspartnern nicht entsprechend honoriert. Trotzdem habe ich dieses Gespräch und den öffentlichen Diskurs um 125 Milliarden genutzt, mich nochmal etwas ins Thema reinzunerden.
Kann ich genauso als Neujahrsvorsatz empfehlen: Alle Nachrichten-Apps vom Handy runter, bloß keine Headlines auf Zitatkacheln bei Instagram lesen und stattdessen das Langformat weiter im eigenen Leben etablieren. Ich selbst versuche, mich gar nicht mehr von "Kurznachrichten" berieseln zu lassen, sondern suche mir immer wieder vereinzelte Themen, zu denen ich dann mehrere Podcasts höre, Talkshow-Aufzeichnungen gucke und mir in aller Ruhe versuche, meine Meinung zu bilden.
Mein Einstieg in das Thema war eine Sendung bei Markus Lanz. Findet ihr natürlich auch in der Mediathek:
Markus Lanz vom 18. November 2025 (https://www.zdf.de/play/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-18-november-2025-100)
📺 Dauer: ca. 57 Minuten
Wichtiger Hinweis dazu: Man darf diese Sendung nicht gucken mit dem Anspruch, irgendwelche neuen Erkenntnisse zu gewinnen. Abgesehen von ein paar Beiträgen von Prof. Hans-Werner Sinn und einer netten Infografik vom ZDF, werden die üblichen Thesen der Parteivertreter rausgehauen.
Es erinnert etwas an Wrestling in den 90ern. Ja, ich weiß, was der konservative JU-Politiker jetzt sagen wird, und ich kann am Fernseher eigentlich auch schon den Ton ausmachen, weil ich weiß, was kommt. Kenne das beruflich, wenn ich auf einer Hochschulmesse gefragt werde „Und wie genau sieht das Traineeprogramm bei mindsquare aus?“, dann drücke ich auch einfach auf Play und höre mir selbst nicht mehr zu. Genauso geht es Karl Lauterbach, glaube ich, auch, wenn er etwas als sozial ungerecht erklären muss. 😅
Anbei all meine Erkenntnisse zu dem Thema. Könnt Ihr aber auch hier nachlesen und nachrechnen.
🧾 Umlagefinanzierte Rente
Die wichtigste Grundlage vorneweg: Die Rentenbeiträge der deutschen Rentenversicherung basieren auf einem Umlagesystem. Das bedeutet, dass die eingezahlten Beiträge sofort an bezugsberechtigte Rentner ausgezahlt werden und keine Rücklagen gebildet werden. Das Geld wird auch nicht in produktive Assets investiert.
Über die Jahre, die ich versichert bin, sammle ich Rentenpunkte, auf deren Basis im Rentenalter berechnet wird, wie viel Rente mir zusteht.
Eine Besonderheit am deutschen Rentensystem ist, dass nicht alle Bürger dort einzahlen. Beamte z. B. haben eine eigene Pensionsregelung und sind komplett vom System ausgenommen – wie auch andere Berufsgruppen. Selbstständige (und auch Vorstände) können sich freiwillig versichern.
Eine weitere Besonderheit: Das System trägt sich seit Jahren nicht mehr selbst. Die Rente wird massiv über Steuergelder bezuschusst. Über 133 Milliarden Euro – und damit ein Viertel des Bundeshaushalts – fließen in die Rente. Dieses Diagramm von Finanzfluss zeigt das Verhältnis sehr gut:
Finanzfluss Bundeshaushalt (https://www.finanzfluss.de/bundeshaushalt-einnahmen-ausgaben/)
Durch die demografische Entwicklung und die gestiegene Lebenserwartung wird sich der Effekt noch verstärken, dass die Rente sich nicht allein durch die Beiträge finanzieren lassen wird und bezuschusst werden muss.
📉 Rentenniveau
Die Höhe der eigenen Rente prognostisch zu ermitteln, dürfte ähnlich schwer sein, wie das Bernsteinzimmer zu finden. Ab dem 28. Lebensjahr bekommt ihr eine jährliche Mitteilung der Deutschen Rentenversicherung, in der sich verschiedene Hochrechnungen befinden.
Basis für alle Berechnungen sind der Durchschnittslohn und die Durchschnittsrente. Genau um dieses Verhältnis wurde zuletzt politisch stark gerungen. Das Ergebnis ist nun, dass die Durchschnittsrente 48 % des Durchschnittslohns betragen wird. In der Diskussion waren auch 47 % ab 2031 – der Unterschied sind die berühmten 125 Mrd. €.
Da die absoluten Beiträge der Löhne jährlich steigen, steigen auch die absoluten Rentenbeiträge. Sollten diese Steigerungen aber unter der Inflation liegen, kann es sich um eine inflationsbereinigte Rentenkürzung handeln.
Der Begriff Rentenkürzung ist im öffentlichen Diskurs etwas gebrandmarkt, weil dadurch die Angst entstehen könnte, dass die monatlichen Rentenzahlungen absolut gekürzt werden könnten.
Ich denke, das Zentrale ist hier nicht die Mechanik der individuellen Berechnung, sondern das Bewusstsein dafür, dass dieses System sich schon lange nicht mehr trägt – und in der Systematik auch eine Vergrößerung des Problems integriert ist.
Diese Haltelinien und -niveaus sind ein sehr zentraler Bestandteil politischer Diskussionen und des Wahlkampfs. Der Großteil der Wahlberechtigten ist im Rentenalter oder kurz davor. Idealistisch würde ich sagen: Aufgabe von Politikern ist es, „das Richtige“ zu tun, egal wem es nützt. Realistisch betrachtet muss man auch dafür gewählt werden – daher ist es nicht überraschend, dass Politik aktuell stark die Rentner im Fokus hat.
Ein gutes FAQ zu dem Thema findet ihr beim NDR:
Renten-FAQ vom NDR (https://www.ndr.de/nachrichten/info/zwischen-haltelinie-und-entgeltpunkten-faq-zur-rente,rente-378.html)
⏳ Verlängerung der Lebensarbeitszeit
Eine sehr naheliegende Lösung wäre eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Auch hier möchte ich keine Rechenformel vorgeben, aber durch eine Kopplung der Lebensarbeitszeit an die durchschnittliche Lebenserwartung ließe sich das System natürlich rein mathematisch so bauen, dass es sich am Ende trägt.
Dieser Vorschlag scheitert aktuell an der Frage der sozialen Gerechtigkeit. Gerade Menschen in schlecht bezahlten Berufen arbeiten oft körperlich hart und haben eine kürzere Lebenserwartung. Aktuell scheitert es an dieser Argumentation, Mehrheiten zu finden.
Disclaimer: Diese Argumentation entspricht nicht meiner eigenen Meinung zu dem Thema.
📊 Kapitalgedeckte Altersvorsorge
Zwei Konzepte sind zu unterscheiden:
Individuelle private kapitalgedeckte Altersvorsorge
Jeder, der mal meinen Rentenrechner bemüht hat oder ein Finanzfluss-Video gesehen hat, hat danach vermutlich sofort ein Depot eröffnet und bespart den MSCI World. In vielen Ländern wie z. B. den USA gibt es steuerbegünstigte Depots für die Altersvorsorge, die langfristiges Sparen incentivieren.
In Deutschland gibt es sowas aktuell nicht. Ob du von den Aktien deine Rente finanzierst oder dir mit 50 einen Porsche kaufst – ändert nichts an der Besteuerung.
Staatliche kapitalgedeckte Altersvorsorge
Eine Alternative kann sein, die Rentenbeiträge (und Steuerzuschüsse) nicht nur in die direkte Auszahlung zu investieren, sondern das Geld so anzulegen, dass Erträge erwirtschaftet werden. Der norwegische Staatsfonds wird hier oft als positives Beispiel genannt.
In Deutschland hat die FDP in der Ampelregierung erste Gehversuche unternommen – ist aber auf bekannte Art und Weise abgestraft worden. Eine anekdotische Erklärung: Seit dem Verfall der Volksaktie Telekom stehen viele Deutsche dem Kapitalmarkt sehr distanziert gegenüber. 📉📈
🧠 Meine Meinung
Am Ende bleibt die Frage: Was mache ich jetzt damit?
Ich bin kein Politiker und will auch keiner werden, daher brauche ich mich nicht mit der Frage beschäftigen, was man in Talkshows sagen müsste, um anschließend auch noch gewählt zu werden.
Sollte mich doch jemand fragen, wäre meine Antwort wohl eine beliebte These meines langjährigen Chefs:
Willst Du viel, mache alles!
Ich denke, es braucht definitiv eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit – das ist einfachste Mathematik. Genauso muss ein Teil in produktive Assets fließen – nur so kann das System „repariert“ werden.
Wir brauchen auch mehr Menschen in Arbeit – was durch qualifizierte Migration gelöst werden kann. Und trotzdem glaube ich, dass das reale (also inflationsbereinigte) Rentenniveau zumindest mittelfristig sinken wird.
Gilt übrigens aktuell auch für die realen Löhne:
Reallohn Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Reallohn)
Also, ja, wir brauchen alles.
Da meine zentrale Aufgabe aber ja nicht die gesamtgesellschaftliche Lösung ist, sondern mein eigenes Leben zu gestalten, konzentriere ich mich auf meinen Einflussbereich. Und ganz im Ernst: Ich sehe auch keine Partei oder Politiker, die gerade ernsthaft vorhaben, das Problem zu lösen.
Vor der Wahl gibt es ein paar Rentenschenke – und fertig. Lösen kann das dann irgendwann irgendwer. Sei es drum.
Ich selbst lebe in der privilegierten Lage, dass ich die Maslowsche Bedürfnispyramide rauf und runter spielen kann und trotzdem mehr Geld verdiene, als ich ausgebe.
All die Diskussionen, Hochrechnungen und Fakten zur Rentenpolitik bringen mich am Ende mal wieder zum sehr deutlichen Ergebnis:
👉 Widersteh der Versuchung der Lifestyle-Inflation und bilde Wohlstand für das Alter.
Am besten sofort. Ganz getreu dem Motto:
Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Der zweitbeste ist heute.
Wenn ihr bis hierhin gelesen habt, hat euch der Newsletter vielleicht gefallen, leitet ihn gerne weiter oder sprecht darüber.
Liebe Grüße,
Alex 😊