Humans Last Task - Digitale Diamanten 09/26

Was ein Beleidigungs-Kompliment über meinen Newsletter verrät — und was für uns Menschen bleibt, wenn die KI die Fleißarbeit macht

Kennt Ihr das schöne Stilmittel des „Beleidigungs-Kompliments"? Du wirst eigentlich gerade gelobt, aber es verletzt Dich zutiefst.
Zum letzten Newsletter zum Thema FC Bayern gab es sehr viel Feedback, unter anderem diesen Kommentar: „Liest sich richtig angenehm, keine Ahnung ob davon irgendwas noch selbst geschrieben ist, aber ist wirklich unterhaltsam."
Weiß nicht, ob jemand noch das Futurama-Meme „Not Sure if serious" kennt, aber so in etwa habe ich mich gefühlt.

Das Hochladen in die Plattform, Einbindung von Bildern und Links etc. - ja, das macht alles KI. Selbstverständlich macht KI auch die Rechtschreibkorrektur, meine Kommasetzungs-Skills sind ein Graus. Aber das Schreiben, das mache ich selbst. Weil es ja auch genau das ist, was mir die Freude bereitet und wovon ich jetzt hoffen würde, dass es auch den Mehrwert bringt. Ehrlich gesagt: Wenn jemand sehen will, wie KI-generierte Beiträge aussehen, einfach auf LinkedIn gehen ;-)

Das Ganze führt aber natürlich zur spannenden Frage:

Was ist jetzt eigentlich die Aufgabe des Menschen in dieser Welt von KI und Robotern?
In Anlehnung an das „Humanity's Last Exam", mit dem die Leistung von KI-Modellen getestet wird, nenne ich es „Humans Last Task". Vielen mag diese philosophische Überlegung wie eine Bedrohung wirken. Aber ist es das?

Keineswegs. Der Wandel durch die KI kann der Weg in absolute Freiheit sein.

Die meisten Leser hier werden in irgendeiner Form White-Collar-Worker sein, und ich würde sogar weitergehen: Die meisten haben sich den Job vermutlich ausgesucht, weil er auch Tätigkeiten enthält, die einem Freude bereiten. Ich sage ganz bewusst „auch", weil jeder Beruf eben auch irgendwie lieblose Tätigkeiten enthält, die „halt dazu" gehören.
Die wenigsten haben eine große Passion dafür, Excel-Tabellen aufzubauen und den Formel-Fehler zu fixen, freie Terminslots zu finden, Protokolle „nochmal runterzuschreiben" oder Piktogramme auf eine PPT zu legen.
Unsere Berufe haben irgendeine Aufgabe, die den Kern-Mehrwert ausmacht.

Als konkretes Beispiel für meinen Job, da kann ich es sehr klar benennen: die Personalentwicklung von Mitarbeitern. Sei es im eigenen Team, in der Firma oder manchmal sogar im Hochschulvortrag. Wenn ich im Gespräch, in einer Schulung oder auch mit einer gut vorbereiteten Präsentation jemanden dabei unterstützen kann, berufliche Herausforderungen zu meistern, das macht mir schon wahrhafte Freude.
Das ist für mich auch der Moment, wo der Mehrwert meiner Arbeit entsteht. Das, was ich gut kann, ist eben nicht die Exceltabelle, der Terminslot, das Protokoll oder das Piktogramm. Dort entsteht kein Mehrwert. Der Mehrwert entsteht im direkten Austausch.
Und guess what - dafür ist jetzt mehr Zeit.

Um meiner Leidenschaft für größenwahnsinnige Vergleiche treu zu bleiben: Es fühlt sich an wie bei einem DAX-CEO oder Politiker, der wirklich gar nicht mehr mit „Admin-Tätigkeiten" beschäftigt ist, sondern sich voll und ganz auf das Entwickeln von Ideen und das Treffen von Entscheidungen konzentrieren kann.
Nur habe ich dafür keinen Berater- und Assistentenstab, sondern meinen KI-Agenten mindAssistant.
Das Schema könnt Ihr der untenstehenden Grafik entnehmen:

So baust Du Dir Deinen eigenen mindAssistant

Die ausführliche Anleitung kommt demnächst auf meine Website, hier schon mal die Kurzfassung zum Mitnehmen. Du brauchst drei Bausteine: Obsidian ist das Gedächtnis, eine Notiz-App, die alles als lokale Dateien auf Deinem Rechner ablegt (gratis). Die Claude Desktop App im Reiter „Claude Code" ist der Körper, sie darf Dateien lesen und schreiben und arbeitet damit direkt in Deinen Notizen. Ein Claude-Abo ist der Strom.
Und so fängst Du an: Obsidian installieren und einen Vault anlegen, der Name ist egal. Claude Desktop installieren, einloggen, in den Reiter „Claude Code" wechseln und den Vault-Ordner öffnen. Dann legst Du eine Datei CLAUDE.md in den Vault: Da steht drin, wer Du bist, wie Du arbeitest und was Dein Assistent für Dich tun soll. Das ist sein Arbeitsvertrag, er liest ihn bei jeder Session.
Die wichtigste Regel von Anfang an: Jedes Ergebnis wird eine Notiz. Egal wie klein. Dadurch wächst sein Wissen über Dich mit jeder Woche, statt dass jedes Gespräch bei null anfängt.

Falls Du studierst

Genau das mache ich am 26. August nochmal ausführlich in einem kostenlosen Webinar für (Wirtschafts-)Informatik-Studierende: „Dein zweites Gehirn - Mit 7 Tipps zum eigenen KI-Assistenten fürs Studium". Falls Du das gerade selbst brauchen könntest oder jemanden kennst, für den das passt: hier geht es zur Anmeldung.

Und ja, ganze Berufe ändern sich massiv dadurch und bestimmte Rollen werden sich stark wandeln. Der Mehrwert entsteht aber eben nicht dadurch, Informationen aus OneNote in eine PowerPoint zu übertragen. Der Tag wird kommen, an dem Beratungsfirmen 50% Preisaufschlag verlangen, wenn Kunden keine automatische Transkription der Termine und anschließende KI-Nutzung erlauben.

Sport-Interview der Woche

Nachdem wir beim letzten Mal schon so tief in die Sportwelt eingetaucht sind, nur ein kurzer Verweis auf die großartige Pressekonferenz zum Amtsantritt von Jürgen Klopp. Das beeindruckende Stilmittel, welches er wählt, ist übrigens das „Interessen-Alignment". Jürgen Klopp hat keine Karriere nach dem Bundestrainer-Amt mehr vor sich, und es geht ihm wirklich um die Sache. Ist nix anderes als das, was man mit VSOPs oder „Pain and Gain"-Verträgen erreicht. Kommunikativ wirklich gut gelöst.

Kurz erklärt: VSOPs (Virtual Stock Option Plans) sind virtuelle Unternehmensanteile: Mitarbeiter profitieren finanziell, wenn die Firma an Wert gewinnt, ohne echte Aktien zu halten. „Pain and Gain"-Verträge koppeln die Vergütung eines Dienstleisters an den Projekterfolg: Läuft es schlecht, verdient er weniger, läuft es gut, verdient er mit. Beides erzeugt genau das, was Klopp kommunikativ vorgemacht hat: Alle am Tisch wollen aus eigenem Interesse dasselbe Ergebnis.

Bitte Gesetze gegen AI Slop

Genau das Gegenteil von meinem schönen „Was ist der Mehrwert des Menschen"-Beispiel hat sich unlängst im kanadischen Parlament abgespielt. Ein Politiker hat in seiner Rede offensichtliche Überbleibsel aus der KI-Antwort des Modells vorgelesen.
Machen wir uns nichts vor: Der Boomer wird das nicht selbst generiert haben, sondern er liest vor, was sein Mitarbeiter ihm hinlegt, und DER hat eben schlecht gepromptet und es nicht kontrolliert.

Jeder kennt diese AI-Slop-Momente, das Internet ist voll damit. Im vorhin noch gescholtenen LinkedIn gibt es inzwischen sogar einen Button „KI-Slop melden". Mein Problem ist gar nicht, dass das Internet damit vollgemüllt wird. Das Problem ist, dass genau sowas dafür sorgt, dass die ganzen Digitalisierungsverweigerer sich wieder wohlfühlen mit ihrer Kontra-Position.
Die Grafik unten zeigt es ganz gut: Wer bis auf Position 6 geht, der schickt wen anders auf 1 oder 2.

AI-Slop-freie Zone

Ich bin natürlich nicht der einzige mit der Erkenntnis, dass AI Slop scheiß Content ist. Die Firma Pangram macht daraus ein Business und stellt Software zur Verfügung, die bei Content erkennen soll, ob es sich um KI-Content handelt. Laut Doppelgänger-Tech-Talk-Host Pip ist das Ganze noch nicht vollständig treffsicher, aber die Idee ist natürlich großartig.

Anwendung findet das Ganze z.B. auf der Plattform Substack. Ich werde meinen Newsletter perspektivisch auch dahin umziehen. Die gute Nachricht: Für Dich als Empfänger ändert sich nichts. Ihr könnt Euch trotzdem dort schon mal umsehen.

Vielleicht wird es der angenehme Nachfolger von LinkedIn. Habe ja schließlich Anfang des Jahres prognostiziert, dass das Langformat zurückkommt.

Wenn Ihr bis hierhin gelesen habt, hat Euch der Newsletter vielleicht gefallen, leitet ihn gerne weiter oder sprecht darüber. 😉

Liebe Grüße,

Alex